← Alle Publikationen

Italiens Rolle in der Arktis: Von den Dolomiten zur Polardiplomatie

Von den Dolomitengletschern bis zur Satellitenbeobachtung: Wie Italien Forschung und Diplomatie in seinem arktischen Engagement verbindet.

Quellen
Massimo Dell’Utri spricht bei der Arctic Circle Assembly 2026 in Reykjavík.
Massimo Dell’Utri spricht bei der Arctic Circle Assembly 2026 in Reykjavík. Foto: Ambasciata d’Italia a Oslo / MAECI

Italien in Reykjavík

Italiens arktispolitische Ambitionen standen im Mittelpunkt seines Beitrags zur Arctic Circle Assembly 2026 in Reykjavík. Massimo Dell’Utri, Unterstaatssekretär für auswärtige Angelegenheiten und internationale Zusammenarbeit, stellte einen Ansatz vor, der wissenschaftliche Forschung, Umweltschutz, Sicherheit und internationale Kooperation verbindet. Damit ordnete er die italienischen Forschungskapazitäten in die breitere Diskussion über die Zukunft der Region ein.[1]

„Die Herausforderungen der Arktis erfordern Fachwissen, Verantwortung und eine internationale Perspektive“, schrieb Dell’Utri in seinem öffentlichen Bericht. Mit dieser Aussage stellt er wissenschaftliche Expertise und internationale Zusammenarbeit in den Mittelpunkt des italienischen Engagements in der Arktis.[2]

Von den Dolomiten nach Norden

Die wissenschaftliche Verbindung beginnt im eigenen Land. Italienische Einrichtungen untersuchen die Veränderungen der Kryosphäre – der gefrorenen Bereiche der Erde – sowohl im Alpenraum als auch in den Polarregionen. Eine Studie des Instituts für Polarwissenschaften des CNR und der Universität Ca’ Foscari Venedig dokumentierte einen Flächenverlust der untersuchten Dolomitengletscher von 56 Prozent zwischen den 1980er-Jahren und 2023. Dafür verbanden die Forschenden historische Luftbilder mit neueren Drohnen- und Lasermessungen.[3]

Auch die Forschung an der Marmolada verdeutlicht den praktischen Nutzen dieser Arbeit. Teams der Universitäten Parma und Padua sowie des Nationalen Instituts für Ozeanografie und Angewandte Geophysik untersuchen mit boden- und drohnengestütztem Radar die innere Struktur des Gletschers und mögliche Instabilitäten. Damit verbinden sie Klimaforschung mit der Bewertung von Gefahren für Menschen und Infrastruktur.[4]

Eine gemeinsame Klimafrage

Der Gletscherrückgang in den Dolomiten und der Eisverlust in der Arktis hängen über die Erwärmung des Klimas zusammen. Lokale Bedingungen und Veränderungsgeschwindigkeiten unterscheiden sich jedoch. Wenn in der Arktis reflektierendes Meereis zurückgeht, wird dunkleres Meerwasser freigelegt. Es nimmt mehr Sonnenenergie auf und verstärkt die Erwärmung. Italienisch geleitete Forschung auf Svalbard untersucht diese Prozesse und ihre Auswirkungen auf die Atmosphäre.

Die Verbindung betrifft auch die Informationen im Eis. Schnee- und Eisschichten bewahren Hinweise auf frühere Umweltbedingungen; Schmelzprozesse können diese Aufzeichnungen verändern. Über Forschung auf Svalbard erklärte der CNR-Wissenschaftler Andrea Spolaor, „das saisonale Klimasignal ist verloren gegangen“ – aus dem Englischen übersetzt. Der Befund verdeutlicht, weshalb neben dem Rückgang der Gletscher auch die Bewahrung und Auswertung ihrer Klimaarchive wichtig ist.[6]

Die Forschung in alpinen und arktischen Gebieten eröffnet Italien somit ergänzende Perspektiven auf eine gemeinsame Herausforderung. Der Vergleich von Beobachtungen kann erklären helfen, wie unterschiedliche Eislandschaften auf die Erwärmung reagieren und welches Wissen mit ihrer Veränderung verloren gehen könnte.

Probenahme am Holtedahlfonna-Gletscher auf Svalbard. Forschungsaufnahme, vom CNR 2024 veröffentlicht.
Probenahme am Holtedahlfonna-Gletscher auf Svalbard. Forschungsaufnahme, vom CNR 2024 veröffentlicht. Foto: Federico Scoto / CNR-ISP

Langjährige Präsenz

Italiens Engagement stützt sich auf etablierte Einrichtungen. Die Forschungsstation Dirigibile Italia auf Svalbard wurde 1997 eröffnet; seit 2013 ist Italien Beobachter im Arktischen Rat. Wissenschaftliche Expertise und gemeinsame Projekte schaffen konkrete Möglichkeiten, mit denen ein nichtarktischer Staat zur Arbeit in der Region beitragen kann.[7]

Das im Januar 2026 in Rom vorgestellte arktispolitische Strategiepapier gibt diesem Engagement einen erneuerten politischen Rahmen. Seine Bedeutung wird von einer dauerhaften Unterstützung für Forschung und Kooperation abhängen – und davon, wie gut nationale Ambitionen die Prioritäten arktischer Partner berücksichtigen.[8]

Forschungsstation Dirigibile Italia in Ny-Ålesund auf Svalbard
Forschungsstation Dirigibile Italia auf Svalbard. Aufnahme von 2012. Superchilum / Wikimedia Commons · CC BY-SA 3.0

Veränderungen aus dem All

Dell’Utris Besuch in Reykjavík rückte auch italienische Erdbeobachtungstechnologie in den Blick. Gemeinsam mit Botschafter Andrea Cavallari eröffnete er Looking Beyond, eine Ausstellung mit 16 Aufnahmen der Satellitenkonstellation COSMO-SkyMed. Die italienische Botschaft beschrieb sie als Gelegenheit, über Umweltveränderungen und den Beitrag satellitengestützter Beobachtung nachzudenken.[9]

Nach Angaben der italienischen Raumfahrtagentur können die Radarinstrumente von COSMO-SkyMed auch bei Dunkelheit und durch Wolken hindurch Aufnahmen erstellen. Zu den Anwendungen gehören die Beobachtung von Küsten und des Schiffsverkehrs. Diese Fähigkeiten ergänzen Messungen vor Ort und liefern Informationen aus schwer zugänglichen Gebieten.[10]

Die Ausstellung Looking Beyond im Harpa während der Arctic Circle Assembly 2026.
Die Ausstellung Looking Beyond im Harpa während der Arctic Circle Assembly 2026. Foto: Ambasciata d’Italia a Oslo / MAECI

Zusammenarbeit verstetigen

Bereits im März versammelte das Arctic Circle Rome Forum mehr als 500 Teilnehmende aus über 40 Ländern am Sitz des CNR. Die Diskussionen verbanden wissenschaftliche Zusammenarbeit mit Diplomatie, Sicherheit und der Zukunft der Polarregionen.[11]

Das Forum in Rom, der Beitrag in Reykjavík und die Forschungsprogramme zeigen gemeinsam die Bandbreite des italienischen Engagements. Der überzeugendste Erfolgsmaßstab wird seine Beständigkeit sein: verlässliche Beobachtungen, zugängliches Wissen und Partnerschaften, die die Bevölkerung im Norden an der Festlegung von Prioritäten beteiligen. Von den Dolomiten bis Svalbard verfügt Italien über wissenschaftliche Erfahrung, mit der es einen substanziellen Beitrag leisten kann – und über die Verantwortung, diesen dauerhaft zu sichern.

Vor Ort bei der Assembly

Während der Arctic Circle Assembly 2026 in Reykjavík sprach ich mit Massimo Dell’Utri, Italiens Unterstaatssekretär für auswärtige Angelegenheiten und internationale Zusammenarbeit, über Italiens Engagement in der Arktis und die Verbindungen zwischen alpiner und polarer Forschung.

Isabelle-Constance Opalinski mit Massimo Dell’Utri bei der Arctic Circle Assembly 2026 in Reykjavík.
Foto: Privatarchiv Isabelle-Constance Opalinski.
Quellen und weiterführende Informationen
  1. MAECI · Dell’Utri at the 2026 Assembly
  2. Massimo Dell’Utri · Public account / Öffentlicher Bericht
  3. CNR · I ghiacciai delle Dolomiti stanno scomparendo
  4. Università di Parma · Marmolada research
  5. CNR · Saving the ice memory of Svalbard
  6. CNR · Climate change, the Arctic is losing its memory
  7. Arctic Council · Observer Italy
  8. MAECI · Italian Arctic policy
  9. Ambasciata d’Italia a Oslo · Assembly and Looking Beyond
  10. ASI · COSMO-SkyMed
  11. CNR · Arctic Circle Rome Forum