DEUTSCHLAND · FORSCHUNG & POLITIK
Deutschland in der Arktis: Forschung, Verantwortung und strategischer Wandel
Deutschlands arktischer Einfluss entsteht durch wissenschaftliche Kompetenz, internationale Zusammenarbeit und verlässliche Partnerschaften. Die Herausforderung besteht darin, diese Stärken mit einer veränderten sicherheitspolitischen Realität zu verbinden.

Deutschland besitzt keine arktische Küste. Dennoch ist der hohe Norden für das Land von Bedeutung: als Teil des globalen Klimasystems, als Raum internationaler Zusammenarbeit und als sicherheitspolitisches Umfeld Europas. Die deutsche Arktispolitik muss deshalb mehrere Aufgaben zusammenführen: Veränderungen verstehen, gemeinsame Regeln stärken und Verantwortung gegenüber den Menschen übernehmen, die in der Region leben.
01 · DEUTSCHLAND IN DER ARKTIS
Forschung als Grundlage des Engagements
Ein sichtbares Beispiel deutscher Arktisforschung ist die MOSAiC-Expedition. Unter Leitung des Alfred-Wegener-Instituts driftete der Forschungseisbrecher Polarstern 2019 und 2020 mit dem Meereis durch den Arktischen Ozean. Forschende untersuchten das Zusammenspiel von Atmosphäre, Eis, Ozean und Ökosystemen über einen Jahreszyklus. Die Expedition zeigt zugleich, wie stark deutsche Forschung von internationaler Zusammenarbeit lebt.[1]
Weniger spektakulär, aber ebenso wichtig sind dauerhafte Beobachtungen. An der deutsch-französischen Forschungsbasis AWIPEV in Ny-Ålesund auf Spitzbergen werden unter anderem Atmosphäre, Permafrost und marine Ökosysteme untersucht. Die 2003 gegründete gemeinsame Basis steht für ein Engagement, dessen wissenschaftlicher Wert durch Kontinuität wächst.[2]

02 · DEUTSCHLAND IN DER ARKTIS
Wissen in politische Entscheidungen übersetzen
Forschung allein beantwortet noch keine politischen Fragen. Dafür braucht es Institutionen, die wissenschaftliche Erkenntnisse verständlich aufbereiten und den Austausch mit Entscheidungsträgern ermöglichen. Diese Schnittstelle besetzt das Deutsche Arktisbüro am Alfred-Wegener-Institut: Es verbindet Akteure aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft und unterstützt die Bundesregierung mit wissenschaftlicher Beratung zu Arktisfragen.[3]
Deutschland ist seit 1998 Beobachter im Arktischen Rat. Dieser Status ermöglicht Beiträge zur Zusammenarbeit, stellt Deutschland aber nicht auf dieselbe Entscheidungsebene wie die acht Mitgliedstaaten. Deutsche Fachleute beteiligen sich an wissenschaftlichen Arbeitsgruppen und Projekten, etwa zu Umweltbeobachtung und Biodiversität. Einfluss entsteht hier durch die Qualität konkreter Beiträge.[4][5]

03 · DEUTSCHLAND IN DER ARKTIS
Sicherheit und Zusammenarbeit unter neuen Bedingungen
Die am 18. September 2024 beschlossenen Leitlinien deutscher Arktispolitik setzen einen deutlicheren sicherheitspolitischen Schwerpunkt. Sie verbinden ein verstärktes Engagement im Rahmen von NATO und EU mit dem Schutz der regelbasierten Ordnung, Klima- und Umweltschutz sowie verantwortungsvoller Forschung. Auch nachhaltige Entwicklung und die Rechte der indigenen Bevölkerung gehören zu den ausdrücklich benannten Prioritäten.[6]
Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine hat die Bedingungen der Zusammenarbeit grundlegend verändert. Die Leitlinien dokumentieren, dass Deutschland seine Forschungskooperation mit Russland am 25. Februar 2022 aussetzte. Damit wird auch für die Wissenschaft sichtbar, wie eng arktische Zusammenarbeit mit der europäischen Sicherheitsordnung verbunden ist.[7]
04 · DEUTSCHLAND IN DER ARKTIS
Partnerschaften mit den Menschen vor Ort
Wie verantwortungsvolle Zusammenarbeit praktisch aussehen kann, zeigt das vom AWI koordinierte Projekt SQUEEZE. Es untersucht den Schutz bedrohter Tundragebiete. Im August 2025 fanden in Westkanada Forschungsinterviews mit Gwich’in-Elders und Landnutzerinnen und Landnutzern statt. Gemeinsam mit indigener Expertise soll das Planungsinstrument „TundraConservation“ weiterentwickelt werden.[8]
Beim 27. Arktisdialog im April 2026 in Potsdam standen entsprechend langfristige Beziehungen und gemeinsame Wissensproduktion im Mittelpunkt. Der Austausch machte deutlich, dass eine solche Zusammenarbeit Folgen für die Planung, Finanzierung und Durchführung von Forschung haben muss.[9]
05 · EINORDNUNG
Glaubwürdigkeit braucht Kontinuität
Aus diesen Beispielen ergibt sich ein Maßstab für Deutschlands künftiges Engagement: Glaubwürdigkeit braucht Kontinuität. Forschungsinfrastruktur und politische Präsenz gewinnen dann an Bedeutung, wenn sie verlässliche Partnerschaften tragen und nachvollziehbaren Nutzen schaffen. Deutschlands Stärke könnte gerade darin liegen, wissenschaftliche Qualität, sicherheitspolitische Klarheit und die Mitgestaltung durch arktische Gemeinschaften dauerhaft miteinander zu verbinden.
DOKUMENTATION
Quellen & weiterführende Informationen
Analyse auf Grundlage der folgenden Quellen. Recherchestand: 4. November 2026. Der letzte Abschnitt enthält die Einordnung der Autorin.
- AWI · MOSAiC
- AWI · AWIPEV
- Deutsches Arktisbüro · German Arctic Office
- Arctic Council · Germany
- Deutsches Arktisbüro · Arktischer Rat
- Deutsches Arktisbüro · Deutsche Arktisstrategie (2024)
- Bundesregierung · Leitlinien deutscher Arktispolitik (2024), S. 33 / p. 33
- Deutsches Arktisbüro · SQUEEZE
- Deutsches Arktisbüro · 27. Arktisdialog (14 April 2026)
Bildnachweise
- Evgenii Salganik · CC BY-SA 4.0
- Hannes Grobe · CC BY-SA 2.5
- Alfred-Wegener-Institut / Stefan Hendricks · CC BY-SA 4.0
Dokumentarische Archivaufnahmen über Wikimedia Commons unter den jeweils verlinkten Lizenzen. Bilder können für Vorschauen verkleinert oder beschnitten werden; Bearbeitungen stehen unter der jeweiligen Lizenz. Die Aufnahmen zeigen weder das SQUEEZE-Projekt noch den Arktisdialog 2026.